Posts Tagged ‘Gleichberechtigung’

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Keine Pseudo-Initiativen mehr: Diversity und Gender Equality sind Chefsache

8. Dezember 2016

Bei XING gefunden, Robert Franken, 28.11.16

„Nach etwa zwei Jahren, in denen ich viel über Gleichberechtigung, Diversity und Gender Equality gelesen, gehört, diskutiert, geschrieben und gesprochen habe, spüre ich gewisse Abnutzungserscheinungen. (…)

Wir kratzen an der Oberfläche, aber nur selten bekommen wir mehr abgelöst als die oberste Lackschicht. Es geht zumeist ausschließlich um sehr subjektive Erfahrungsräume („Also bei mir/in meiner Firma ist das folgendermaßen…“), eher selten um ein ehrliches Eingeständnis des eigenen Zutuns („Da kann ich nichts machen, das ist bei uns so.“) und so gut wie nie um gesellschaftliche Veränderung und die eigene Rolle in diesem Prozess („Was soll ich alleine schon ausrichten?!“).

So eindimensional etwa wie die Fragen bei Podiumsdiskussionen („Wie war das bei Ihnen?“, „Was halten Sie von der Quote?“) sind ganz oft auch die Antworten („Ich habe eigentlich nie Diskriminierung erlebt.“, „Wir brauchen die Quote nicht.“). Wesentlich mehr als kollektives Betroffenheits-Nicken angesichts flächendeckender Frauendiskriminierung, wie bei der Lohnlücke („equal pay gap“), dem Pflege-Schiefstand („gender care gap“) oder der Renten-Benachteiligung („gender pension gap“) passiert höchst selten, von feministischer Frauensolidarität („sisterhood“) oder gar wütendem öffentlichen Protest ganz zu schweigen.

Was hat zu einer solchen Paralyse geführt?

(…)

Es hat aber sicherlich auch mit der Tatsache zu tun, dass wir unterkomplexe Silo-Lösungen für komplexe Probleme installiert haben.

Frauen werden benachteiligt? Zack, jetzt gibt es Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte.
Die Belegschaft wird ausgebeutet und murrt? Her mit dem Feel-Good-Manager.
Digitalisierung verschlafen? Jetzt haben wir doch einen Chief Digital Officer.
Doch die Probleme sind nicht ohne Komplexität. Im Gegenteil. Und die Probleme haben Interdependenzen. Beides gilt es zu berücksichtigen, wenn man sich an die Erarbeitung von Lösungen macht. Dazu braucht es analytische Fähigkeiten, persönliches Engagement und nachhaltige Motivation.

Es scheint an grundsätzlichem Problembewusstsein zu fehlen, aus dem überhaupt Handlungsbedarf entstehen kann. (…)

Viele Menschen scheinen sich vielfach mit dem Status Quo abgefunden zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass wir flächendeckend und beinahe stillschweigend akzeptieren, dass Frauen und Männer in Deutschland eben nicht gleichgestellt sind. Laut einer jüngsten Erhebung dauert der Gleichstellungsprozess bei der Beibehaltung des aktuellen Tempos noch 170 Jahre. Einhundertsiebzig Jahre! (…)

Spricht man einen verantwortlichen Manager auf Themen wie Diversity und Gender Equality an, verweist der reflexhaft auf die HR-Abteilung in seinem Unternehmen. Wir haben Abteilungen geschaffen, die Diskriminierung verwalten. Kreativ ist man abseits von Arbeitskreisen allenfalls beim Thema der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Eine progressive, gegen alle Widerstände zielorientierte und kämpferische Personalabteilung muss man ebenso mit der Lupe suchen wie einen CEO, der Diversity und Gender Equality zu (seiner) Chefsache erklärt – und zwar jenseits bloßer Lippenbekenntnisse.

(…) gezieltes Vorgehen für den Umgang mit den Themen Gender Equality und Diversity in deutschen Unternehmen.

  • Anerkennung der Tatsache, dass wir bislang wenig erreicht haben noch einen weiten Weg zu gehen haben um wenigstens mit den internationalen best practices (Skandinavien, Island, Niederlande) gleichzuziehen.
  • Ehrliches Hinterfragen der bisherigen Maßnahmen und kritische Analyse der Ergebnisse.
  • Verfügbarmachung aller relevanten Studien und Nutzung aller zur Verfügung stehenden Ressourcen zum Aufbau von Wissen über die Ursachen und Auswirkungen von Diskriminierung.
  • Ableitung ambitionierter Ziele und Definition ehrgeiziger Meilensteine.
  • Einbeziehung aller relevanten internen und externen Stakeholder und Knüpfung der Zielerreichung an Vereinbarungen mit Führungskräften im Management.
  • Implementierung der Ziele und Maßnahmen in die Unternehmens-Strategie.
  • Koppelung von Top-down- und Bottom-up-Strategien: Die Themen sind Chefsache und aufgrund ihrer strategischen und Umsatz-Relevanz elementare Erfolgs-Faktoren für die Unternehmen.

Doch das sind zunächst einmal wieder nur Forderungen. Was wir brauchen, ist jedoch endlich Aktion. Und hier sind die deutschen Unternehmensführungen in der Pflicht. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn wir uns bei diesen so wichtigen Themen weiterhin mit den hinteren Plätzen im internationalen Vergleich zufrieden gäben – weil wir Fakten ignorieren, Stereotypen Vorschub leisten und Diskriminierung stillschweigend hinnehmen.“

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Beste Gleichberechtigung in Island

22. November 2016

Das Land mit der größten Gleichberechtigung ist laut dem Jahresbericht des Weltwirtschaftsforums zum achten Mal hintereinander Island. Deutschland steht zwischen Namibia und Burundi.

Bis Frauen und Männern weltweit für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden, wird es einer neuen Studie zufolge noch 170 Jahre dauern. Wenn sich an der momentanen Entwicklung nichts ändere, werde die wirtschaftlich Gleichstellung von Frau und Mann erst im Jahr 2186 erreicht, heißt es in der jährlichen Untersuchung des Weltwirtschaftsforums zur Geschlechtergleichstellung, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Es gebe eine „dramatische Rückwärtsentwicklung“ in diesem Bereich.

Im vergangenen Jahr hatte das Weltwirtschaftsforum die Zeitspanne bis zur wirtschaftlichen Gleichstellung noch mit 118 Jahren angegeben. Doch seit Erreichen des bisherigen Bestwerts im Jahr 2013 habe sich die Ungleichheit weiter vergrößert, heißt es in dem Bericht.

Besonders was politische Teilhabe und ihre wirtschaftliche Lage betrifft, geht es Frauen in weiten Teilen der Welt nach wie vor deutlich schlechter als Männern, stellt der Jahresbericht des Weltwirtschaftsforums (WEF Gender Gap Report) fest. Obwohl es etwa Fortschritte im Bildungsabstand gab, habe sich dies „nicht in gleichen Gewinnen für Frauen auf wirtschaftlichem oder politischem Gebiet ausgewirkt“, stellen die Auftraggeber des Berichts fest. Das Forschungsteam des Weltwirtschaftsforums, das in der Schweiz ansässig und wegen seiner jährlichen Treffen im Alpenort Davos bekannt geworden ist, veröffentlicht bereits seit zehn Jahren Daten zum „Gender Gap“, Dafür wurden die Daten aus 144 Ländern in allen Teilen der Welt ausgewertet. Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche und politische Teilhabe von Frauen und Männern sind die vier Kernfelder der Untersuchung.

Auf den beiden ersten Gebieten verzeichnet der Bericht in diesem Jahr deutliche Verbesserungen. Im Schnitt hat sich die Geschlechterlücke zu 95 Prozent in Sachen Bildung geschlossen, zu sogar 96 Prozent ist demnach in der Gesundheitsversorgung, bei Lebenserwartung und Krankheitsrisiken von Frauen und Männern, schon Gleichheit nahe. Für die Bildung sei das der höchste Wert, den man in zehn Jahren gemessen habe, wie das Forschungsteam erfreut vermerkt, ein Fortschritt von fast einem Prozent in nur einem Jahr.

Anders sieht es politisch und wirtschaftlich für Frauen aus: Die Geschlechterlücke ist, was ihre politische Teilhabe angeht, um inzwischen 23 Prozent kleiner geworden, „womit sich der Trend zu langsamer, aber stetiger Verbesserung“ fortsetze. Geradezu desaströs ist aber die wirtschaftliche Lage von Frauen: Sie ist im weltweiten Schnitt nicht nur um 59 Prozent hinter der der Männer her, die Kurve zeigt auch nach unten: Hier setze sich „nach einigen Jahren des Fortschritts ein negativer Trend fort“, schreiben die Autorinnen und Autoren des Berichts. Der aktuelle Wert sei zudem der niedrigste, den sie seit 2008 gemessen hätten.

68 Länder haben ihre Gender-Werte verbessert
Insgesamt beträgt die weltweite Geschlechterlücke auch im laufenden Jahr noch mehr als 31 Prozent, und sie sieht noch etwas trister aus, wenn man sie nicht im statistischen Durchschnitt, sondern im Detail ansieht: Von den 142 Staaten, die letztes Jahr untersucht wurden, haben 68 ihre Gender-Werte verbessert. In noch mehr, also 72, hat sich die Lage von Frauen aber verschlechtert. Der Fortschritt, sei „bestenfalls ungleich“ verteilt, schreiben das Autorenteam. Und während die Gesundheitsdaten nach oben zeigen und immerhin neun Länder weltweit hier den Abstand zwischen den Geschlechtern beseitigt hätten, sei es noch immer in keinem einzigen der untersuchten Länder gelungen, die wirtschaftliche und politische Lage von Frauen denen der Männer ganz anzugleichen.

Im Ranking der Geschlechtergleichheit hat auch im Bericht des Weltwirtschaftsforums Europas Norden die Nase vorn: Im achten Jahr in Folge ist Island das Land mit dem höchsten Maß von Gleichberechtigung, gefolgt von Finnland, Norwegen und Schweden. Darauf folgt bereits Ruanda, das zwar in Sachen Frauengesundheit und Bildung weit abgeschlagen ist, aber viel für die wirtschaftliche Gleichheit zwischen Männern und Frauen erreicht und zudem die weltweit höchste Zahl von Parlamentarierinnen hat. Die Länder mit dem weltweit höchsten Grad von Ungleichheit sind Saudi-Arabien, Syrien, Pakistan und Jemen.

Niederlande schlechter als Deutschland
Deutschland steht, zwischen Namibia und Burundi, erst auf Platz 13 der Rangliste, zwei Plätze hinter der Schweiz. Die Niederlande (Platz 16), Frankreich (17) und Dänemark (19) haben allerdings noch schlechtere Plätze. Die deutsche Position scheint vor allem durch eine magere Bilanz in Bildung (Platz 100) und dem wirtschaftlichen Abstand zwischen Männern und Frauen (Rang 57) zu leiden. Das Land müsse die Einkommenslücke der Geschlechter schließen, mahnt der Bericht, die Bildungsungleichheit bleibe im europäischen Vergleich sehr hoch.

Das Weltwirtschaftsforum ruft auch angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung auf, den Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung endlich zu beschleunigen: Die vierte industrielle Revolution, in der die Welt gerade stecke, könne „nachhaltiges Wirtschaftswachstum und unzählige Vorteile für die Gesellschaft“ bringen. „Wenn aber die Hälfte der Talente in die laufenden Umwälzungen nicht einbezogen ist – sei es, indem sie nicht profitieren oder auch sich nicht einbringen können – dann wird dies den Fortschritt behindern und den Grad der Ungleichheit erhöhen“, heißt es im Bericht.

Andrea Dernbach, Tagesspiegel

Quelle: http://www.euractiv.de/section/eu-innenpolitik/news/weltwirtschaftsforum-gleiche-bezahlung-von-frauen-erst-in-170-jahren/?nl_ref=23586844

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Studie Gleichberechtigung

22. November 2016

Handelsblatt 8.11.16

„(…) Doch je nachdem, ob eine Frau im Vorstand ist, messen die Arbeitnehmer der Gleichberechtigung unterschiedliche Bedeutung zu: Bei Dax-Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern ist Gleichberechtigung laut Analyse nach dem Kollegenzusammenhalt und dem Gehalt die am drittbesten bewertete Kategorie.
Bei den Konzernen ohne Frauen im Vorstand landet Gleichberechtigung nur an sechster Stelle. Weibliche Vorstände machen ein Unternehmen demnach nicht per se zu besseren Arbeitgebern, geben dem Thema Gleichberechtigung jedoch in der Belegschaft ein anderes Gewicht. „Weibliche Vorstandsmitglieder haben offenbar einen starken symbolischen Effekt, dass Gleichberechtigung im Unternehmen wichtig ist“, sagt Ekkehard Veser, Geschäftsführer von Kununu im deutschsprachigen Raum.“

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Frauenförderung – Wachstumsschub

1. Oktober 2015
SZ 29. September 2015

Elisabeth Dostert

„So klappt es vielleicht doch noch mit der Gleichberechtigung, wenn schon soziale und moralische Argumente nicht helfen. Es gibt handfeste wirtschaftliche Gründe, Frauen und Männer in der Arbeitswelt gleichzustellen. Zu diesem Ergebnis kommt das Beratungsunternehmen McKinsey in der neuen Studie „The Power of Parity“. Wenn das wirtschaftliche Potenzial von Frauen, die weltweit rund die Hälfte der erwerbsfähigen Bevölkerung stellen, nicht gehoben werde, leide die Weltwirtschaft. Die Berater haben die Ungleichheit in 95 Ländern anhand von 15 Indikatoren gemessen, etwa politischer Mitsprache oder Zugang zu Bildung.

Die Experten haben Szenarien berechnet, um wie viel das Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2025 höher ausfallen könnte, je nach dem welche Fortschritte die Gleichberechtigung macht. Wenn alle Länder einer Region sie so schnell vorantreiben wie das beste Land dieser Region, würde die Wirtschaftsleistung bis 2025 weltweit um 11,8 Billionen Dollar steigen. Im besten Fall, wenn Frauen im Arbeitsleben die gleiche Rolle zukommt wie Männern, läge der Zuwachs bei 28 Billionen Dollar. Der Wert entspricht der heutigen Wirtschaftsleistung der USA und Chinas zusammengerechnet.

Einen sehr hohen Grad an Ungleichheit machten die Experten in Ländern in Nordafrika, dem Mittleren Osten und Südasien aus. Die größten Probleme weltweit seien ungleiche Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt, hohe Müttersterblichkeit, die rechtliche Benachteiligung, eine geringe politische Mitsprache sowie Gewalt. In Westeuropa hat sich McKinsey acht Länder angesehen. Bei den gesellschaftlichen Faktoren schneiden sie im internationalen Vergleich „sehr gut“ ab. In der Arbeitswelt herrsche allerdings eine „hohe bis sehr hohe“ Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Deutschland liegt über alle Indikatoren hinweg auf Platz fünf hinter Norwegen, Schweden, den Niederlanden und Frankreich. Beim Indikator „Besetzung von Führungspositionen“ landete Deutschland nur auf Platz sieben, schlechter sieht es nur in den Niederlanden aus. Dabei käme mehr Gleichberechtigung auch Deutschland zugute. Wenn das Land so schnell damit vorankomme wie Norwegen, dem besten der Region, könnte das Bruttoinlandsprodukt bis 2025 um 430 Milliarden Dollar zulegen. Das setzt allerdings voraus, dass sich zum Beispiel die Erwerbstätigenquote von Frauen und Männern annähert.“