Archive for September 2013

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Ältere Mitarbeiter machen seltener schwere Fehler

12. September 2013

„(…)die Forscher konnten nachweisen, dass es im Laufe des Tages Schwankungen gibt, die über kürzere Zeitspannen hinweg auftreten. (…)

Die Untersuchung ergab außerdem, dass diese Schwankungen bei älteren Erwachsenen geringer ausfallen als bei jüngeren – auch, wenn die Forscher die Leistungsvorteile der Jüngeren in der durchschnittlichen Leistungshöhe berücksichtigten. „Weitere Auswertungen weisen darauf hin, dass für die höhere Zuverlässigkeit bei den Älteren erlernte Strategien bei der Aufgabenbearbeitung, eine gleichbleibend hohe Motivation sowie ein ausgeglichener Alltag mit stabiler Stimmungslage eine Rolle spielen“, so Schmiedek zu den möglichen Gründen für die höhere Leistungsstabilität bei Älteren.

Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts sehen in den Ergebnissen einen wichtigen Beitrag zur Debatte über die Leistungsfähigkeit Älterer im Berufsleben: „Die Produktivität und Zuverlässigkeit der älteren Mitarbeiter ist unter dem Strich höher als die der jungen“, kommentiert Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik „Eine unserer Studien in der Automobilproduktion zeigt, dass ältere Mitarbeiter deutlich seltener schwere und teuer zu beseitigende Fehler machen als jüngere. Auch in den anderen von uns untersuchten Branchen findet man nicht, dass Jüngere produktiver sind als Ältere.““

Quelle: http://www.haufe.de/personal/hrmanagement/Aeltere-weisen-eine-konstantere-Geistesleistung-auf_80_196252.html?chorid=00571838&newsletter=news%2FPortal-Newsletter%2Fwirtschaft%20%2B%20weiterbildung%2F137%2F00571838%2F2013-09-12%2FTop-News-Aeltere-weisen-eine-konstantere-Geistesleistung-auf&ecmId=11467&ecmUid=2994253

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Das Auge des Meisters

10. September 2013

B. Eiglsperger und H. Gruber, das Auge des Meisters, Forschungsmagazin der Uni Regensburg „Blick in die Wissenschaft“, Heft 25, 21. Jahrgang 2012, S. 34 ff

„(…)

Der Meister sieht, weiß und versteht zugleich

Nicht nur beim Künstler ist es so, dass das Sehen sozusagen spontan mit einer weitergehenden Informationsverarbeitung verbunden ist, dass das Wissen das Sehen beeinflußt ebenso wie das Sehen das Wissen, und dass dieses Zusammenspiel automatisch und routiniert erfolgt und schnell und mühelos für Handlungen, Problemlösungen genutzt werden kann. Dieses Zusammenspiel von Sehen, Wissen und Verstehen ist der wichtigste Gegenstand der Expertiseforschung, der es vor allem um die Beschreibung, Erklärung und Förderung des Entstehens herausragender Leistungen und Fähigkeiten in jeweils bestimmten Gegenstandsbereichen (Domänen) geht (…). Ein Experte ist eine Person, die auf einem Gebiet dauerhaft , also nicht zufällig und nicht nur ein einziges Mal, herausragende Leistungen erbringt.

Die Theorien, die der Erklärung der Hochleistung von Expertise zugrunde gelegt wurden, haben sich seit einiger Zeit grundlegend gewandelt. (…) Begabungs- und Geniekonzepte (…) im künstlerischen Bereich. Die Annahme angeborener Unterschiede zur Begründung von Leistungsunterschieden entspricht der gebräuchlichen Alltagsvorstellung (…). Für die Erklärung der Enstehung von Expertise haben sich solche Ansätze allerdings als wenig fruchtbar erwiesen (…). Besonders überzeugt sind wir nämlich von Befunden, dass sich Experten in jeder Domäne durch exzessives, gut angeleitetes und geplantes Üben (deliberate practice) über viele Jahre hinweg auszeichnen. (…)

(…) werden Informationsverarbeitungsprozesse herangezogen (…). Durch die kontrastive Gegenüberstellung von Experten und Novizen wurden vor allem lern- und wissensbezogene Unterschiede herbeigezogen. In Verbindung mit Theorien aus der Wissenspsychologie – zu Erwerb, Speicherung, Abruf und Nutzung von Wissen – ergaben sich (…) Vorstellungen darüber, was der Experte ’schon‘ und der Novize ’noch nicht‘ kann. (…) Der ‚Zauber des Genies‘ (…) wurde  ersetzt durch die Auffassung, jede Person könne in jeder Domäne (…) zum Experten werden, auch wenn der Prozess zumeist sehr lange dauert. Es gibt zuverlässige Schätzungen, dass der Erwerb eines hohen Expertisegrades in nahezu jeder professionellen Domäne etwa zehn Jahre intensiver, gezielter Übung bedarf.

Seit den in den 1930er Jahren begonnenen Studien von Adrian De Groot wurde immer wieder gezeigt, dass Experten in einer Domäne die auf Anhieb erstaunlich wirkende Fähigkeit besitzen, domänenspezifische Informationen rasch wahrzunehmen und weitgehend fehlerfrei erinnern zu können. (…) Die überlegene Gedächtnisleistung von Experten wird durch die auf Erfahrung beruhende, intelligente Organisation umfangreichen Wissens erklärt, die die rasche Nutzbarkeit neuen Wissens ermöglichen. Diese Besonderheit von Expertenwissen ist vielfach belegt: Experten besitzen nicht nur mehr Wissen als Novizen, sondern können das Wissen auch unmittelbar zum erfolgreichen Handeln einsetzen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Wissen mit dynamischen Aspekten der Suche im Problemraum und mit evaluativen Komponenten verknüpft ist.

Bisher weniger untersucht ist die Wahrnehmungsfähigkeit von Experten: Wissen und Gedächtnis kommen ja nur so brillant zur Geltung, weil sie Hand in Hand mit der Wahrnehmung arbeiten und so die horrende Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und -qualität der Experten ermöglichen. (…)

Alle diese Effekte sind Folge intensiver Übung; sie belegen, dass eine Adaption der kognitiven Verarbeitung und der Funktion der Sinnesorgane durch Übung möglich ist. Wie sich beim Meister Wahrnehmung, Wissen und Problemlösen verbinden, wurde bei einer Untersuchung von Fußballexperten gezeigt, die ihr Wissen nutzen, um situationaale Wahrscheinlichkeiten zu erstellen, und darauf aufbauend künftige Spielereignisse zu antizipieren. Diese leistungsbezogenen Unterschiede wirken sich auf die visuelle Suchstrategien aus. Experten nutzen ihren Wissensvorsprung, um ihre Augenbewegungen zu kontrollieren, wenn sie wichtige Informationsquellen betrachten und durchsuchen.

(…) Zusammenfassend ist aus Sicht der Expertiseforschung die Frage, was das Auge des Meisters ausmacht, also so zu beantworten: Das „Auge des Meisters“ ist gekennzeichnet durch eine über langjährige Erfahrung und gezielte Übung entwickelte Verknüpfung von Sinneswahrnehmung und Kognition, von Wahrnehmung und Wissen und Handeln.

(…)

Den Cognitive-Apprenticeship-Ansatz (nach Collins et. al, 1989) ein pädagogisches Modell mit einem breiten Methodenrepertoire aus Aktions- und Verbalisierungsformen (…) haben wir neu formuliert (Eiglsperger 2008). Dabei wird über soziale Interaktion in authentischen Umgebungen der Lernende in eine „Expertenkultur“ eingeführt, und der sozialkommunikative Austausch zwischen den Teilnehmern wird zum Grundprinzip (…).

(…) Der Experte wandelt sich vom Modell zum Coach, zur Stütze (im Sinne eines Gerüsts beim Bau (…)), und schließlich kann er sich zurückziehen. (…)

Der Experte muss sich anstrengen, damit sich der Lehrling gut entwickeln kann. (…) Die Reflexion dieser Erklärung [des Experten] in Zusammenhang mit der gezeigten Handlung bringt den Lehrling weiter.

Diese Form der reflektierenden Auseinandersetzung mit der professionellen Erfahrung geht ein Leben lang weiter. (…) [Zum Beispiel verändert sich] das Wissen von Ärzten im Verlauf der Expertiseentwicklung. (…) Ärzte nahmen mit zunehmender Erfahrung immer weniger explizierten Bezug auf biomedizinisches Wissen beim Erstellen von Diagnosen. Hingegen profitierten sie im Gegensatz zu Novizen dann besondes, wenn Kontextinformationen zu den Patienten verfügbar war. Experten hatten ihr Wissen offenbar umgewandelt und unter generalisierenden, fallbezogenen Schemata repräsentiert. Das biomedizinische Wissen war in das klinische Erfahrungswissen integriert und wurde daher allenfalls noch in enkapsulierter Form genutzt. Experten verbinden damit Wissen über Patineten bzw. Fälle unmittelbar mit Wissen über Symptome und Beschwerden. Wenn sie einen Patienten „sehen“, können sie sofort richtig handeln, weil das Wissen im Sehen schon inbegriffen ist. Ein expliziter Rückgriff auf das biomedizinische Wissen ist nur bei besonders schwierigen Patienten oder komplizierten oder ungewöhnlichen Krankheitskombinationen nötig.

(…) die zu Grunde liegenden Erwerbsprozesse [sind] langwierig und anstrengend, und sie erfordern es, dass Übung gezielt um der Verbeserung willen eingesetzt wrd. Solche Übung ist für die Lernenden oft nicht spontan motivierend, weswegen Meister (…) eine wichtige Rolle spielen. (…) Der Apprenticeship-Ansatz betont für den Beginn einer (Lehrlings-)Karriere die Rolle des Meisters. (…)“

[Eiglsperger meint am Ende, Beispiele wie Guardiola, Klopp oder Mourinho zeigen, das dies wenn auch in veränderter Weise weiterhin Bedeutung besitzt.]