Archive for September 2010

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Dem demografischen Wandel auf der Spur

14. September 2010

Sieht Deutschland bald alt aus?

GEOMAX-Ausgabe 16 (Sommer 2010); Autor: Dieter Lohmann

© 2010 MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT

Voraussagen über vermeintliche  Obergrenzen der Lebenserwartung haben sich immer wieder als falsch erwiesen. (…) Das Altersmaximum wird sich weiter nach oben verschieben. Ein „biologisches Höchstalter“ gibt es nicht. Nach James W. Vaupel, dem Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, steigt die Lebenserwartung in Deutschland, Schweden, Australien, den USA und anderen  entwickelten Ländern seit 1840 „nahezu konstant um drei Monate pro Jahr“.

„Das Durchschnittsalter in Deutschland nimmt aber nicht nur zu, weil die Lebenserwartung der Menschen steigt. Eine weitere (…)  Ursache – sind niedrige Geburtenraten.  Um die Elterngeneration [Babyboomer] vollständig zu ersetzen, müsste jede Frau hierzulande durchschnittlich 2,1 Kinder zur Welt bringen. Doch der tatsächliche Wert liegt deutlich darunter.“ (…)

(…) „Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von 2009 wird die Zahl der Einwohner in Deutschland voraussichtlich von heute 82 Millionen Einwohnern auf 65 bis 70 Millionen im Jahr 2060 sinken. Und damit verschiebt sich auch die Altersstruktur “ – Dazu trägt demnach auch bei:  ein „leistungsfähiges Gesundheitssystem“, das sich “ in Lebensjahren auszahlt“. Das gelte auch „für die Über-80-Jährigen.“  Bei deren „Sterbewahrscheinlichkeit spielten (…) auch Einkommen und materieller Wohlstand eine wichtige Rolle. “ (…)

„Und dann gibt es da noch das „Methusalem“-Phänomen (…) Die Kurve der Mortalität wird etwa ab dem 85. Lebensjahr wieder flacher, so dass das Risiko zu sterben nicht mehr so rasant mit dem Lebensalter ansteigt wie vorher. (…) Angesichts all dieser neuen Erkenntnisse sind viele Demografen keineswegs sicher, dass es in Zukunft aufgrund der steigenden Lebenserwartung tatsächlich zu einem Kollaps des Gesundheitssystems und bei der Pflege kommt.“

„(…) Thema Arbeit. Bisher galt: als Kind und Jugendlicher lernt man, danach kommt die Arbeit und mit 65 geht man in den Ruhestand. Doch die Realität sieht anders aus: Die 55- bis 65-Jährigen haben heute schon mehr Zeit zur Verfügung als vielen von ihnen lieb ist – gerade mal ein gutes Drittel der Menschen in diesem Alter ist heute noch erwerbstätig. Damit liegt Deutschland im Ländervergleich der OECD abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze. Schuld daran ist der hiesige Trend, ältere Arbeitnehmer verstärkt in Altersteilzeit oder Frührente zu schicken, um Platz für die nachrückende Generation zu machen. Dabei setzen viele Personalchefs zu einseitig auf „jung und dynamisch“ statt auf Erfahrung und soziale Kompetenz.

Doch das könnte sich bald schon rächen. Und zwar nicht erst, wenn die „Babyboomer“ endgültig in Rente gehen, sondern spätestens 2025. Dann ist ein Großteil von ihnen bereits 60. Sofern sie zu diesem Zeitpunkt noch genauso wenig am Erwerbsleben beteiligt sind wie jetzt, würde somit in Deutschland etwa neun Prozent weniger gearbeitet als heute. Das geht aus dem so genannten Rostocker Index hervor, den James W. Vaupel und Elke Loichinger vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung entwickelt haben. Weniger geleistete Arbeit pro Einwohner bedeutet aber nicht nur Einkommensverluste für den Einzelnen und den Staat. Sie schränkt auch die Verteilungsspielräume ein und brächte gravierende Nachteile für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands mit sich.

Um diese Situation abzuwenden, ist radikales Umdenken nötig: „Das 20. Jahrhundert war eines der Umverteilung von Vermögen, im 21. Jahrhundert wird es um die Umverteilung von Arbeit gehen“, sagt Vaupel. Ein Zahlenspiel macht deutlich, worum es geht: Heute leistet ein 45-Jähriger durchschnittlich 30 Arbeitsstunden pro Woche, ein 60-Jähriger aber nur acht (Arbeitslose und andere Nichterwerbstätige eingerechnet). Wenn die 50- bis 60-Jährigen in Zukunft genauso viel arbeiten wie die 35- bis 49-Jährigen und sich die Arbeitszeit der 60- bis 64-Jährigen auf 20 Stunden erhöht, würde die Zahl der insgesamt geleisteten Stunden bis 2025 stabil bleiben. Darüber hinaus – so Modellrechnungen der Max-Planck-Forscher – böten sich dann auch Möglichkeiten, die insgesamt geleistete Arbeitszeit über die Altersgruppen hinweg gleichmäßiger zu verteilen: Würde bis zum Alter von 65 auf gleichbleibend hohem Niveau gearbeitet und zudem die Generation „65 plus“ wenigstens zum Teil ins Erwerbsleben eingebunden, könnten die 20- bis 40-Jährigen künftig deutlich kürzer treten. Berufs- und Familienphase („rush hour of life„) könnten entzerrt werden – es gäbe dann mehr Zeit, sich um die Familienplanung bzw. den Nachwuchs zu kümmern. Dass eine derartige Umverteilung von Arbeit möglich ist, zeigt das Beispiel Schweden. Dort sind mehr als zwei Drittel der Über-50-Jährigen fest im Berufsleben verankert und Auszeiten für die Familie bei den 20- bis 40-Jährigen gleichzeitig wohl etabliert.

Um auch bei uns für skandinavische Verhältnisse zu sorgen, sind jedoch „intelligente Konzepte“ gefragt – um Lebensbereiche im Lebenslauf neu zu verknüpfen, Arbeitszeiten in den Betrieben mit den zeitlichen Bedürfnissen von Familien zu harmonisieren und das klassische Modell des altersdifferenzierten Lebenslaufs durch altersintegrierte Modelle zu ersetzen. Das Rentenalter darf nicht von vornherein als Lebensphase ohne gesellschaftliche Teilhabe sowie als reine Freizeit außerhalb der Gesellschaft organisiert werden. Wenn ältere Menschen mehr und länger arbeiten sollen, ist es jedoch erforderlich, dass sie ihr Know-how immer wieder auffrischen – gerade in Zeiten eines rapiden technischen und gesellschaftlichen Wandels. Doch bei der Weiterbildung über den gesamten Berufsverlauf liegt in Deutschland einiges im Argen: Hier haben die Betriebe und ihre Mitarbeiter im internationalen Vergleich längst den Anschluss verloren und rangieren am unteren Ende der Tabelle. Die häufig gestellte Frage: Warum teure Maßnahmen bezahlen, wenn der Arbeitnehmer sowieso mit 55 in Rente geht? Auf solche Probleme hinzuweisen, mit handfesten Daten Überzeugungsarbeit zu leisten und Politikern oder Wirtschaftsexperten mögliche Lösungen anzubieten, sind die Triebfedern der Rostocker Demografen. „Demografische Prognosen sind insbesondere deswegen unabdingbar, da entsprechende Reformen künftigen demografischen Veränderungen vorauseilen müssen, um zu gegebener Zeit ihre Wirkungen entfalten zu können“, erklärt Vaupel.

(…)

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Wenig Förderung für Mitarbeiter über 40

13. September 2010

So war es am 21. August 2010 mal wieder in der SZ zu lesen. Das Marktforschungsunternehmen Innofact hatte 520 Manager und Führungskräfte befragt. Die Ergebnisse:

  • 56 % fördern Mitarbeiter im Alter zwischen 31 und 40 Jahre
  • 16,9 % die im Alter zwischen 41 und 55
  • die Förderung der über 55-Jährigen fiel noch geringer aus, so die Quelle.
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Drittes Europäisches Demografieforum

13. September 2010

Drittes Europäisches Demografieforum: Die demografische Dimension der Strategie Europa 2020

„Europa 2020“, die Strategie der Europäischen Union für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum, wurde vom Europäischen Rat im Juni 2010 angenommen.

Diese Strategie kann nur erfolgreich sein, wenn sie die sich rasch verändernden demografischen Rahmenbedingungen berücksichtigt und Wege findet, die Potentiale einer alternden und vielfältiger werdenden Bevölkerung freizusetzen

Das Demografieforum 2010 wird Entscheidungsträgern und Interessensvertretern die Gelegenheit geben:

  • Maßnahmen zur Förderung des aktiven Alterns zu erörtern, insbesondere mit Blick auf das für 2012 geplante Europäische Jahr für Aktives Altern;
  • Strategien zur Unterstützung von Familien zu untersuchen, die die Solidarität zwischen den Generationen gewährleisten; in diesem Rahmen gilt es auch die im Rahmen der Europäischen Allianz für Familien aufgelegten Aktivitäten zu bewerten und deren Zukunft zu beleuchten;
  • eine Debatte darüber zu führen, wie der Krise begegnet und die öffentlichen Finanzen konsolidiert werden können, ohne Investitionen in die demografische Zukunft Europas zu gefährden

Hg.: European Commission, Employment, Social Affairs and Equal Opportunities

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2012 – Europäisches Jahr für aktives Altern

13. September 2010

2012 soll Europäisches Jahr für aktives Altern werden

Die Europäische Kommission hat am 6. September 2010 vorgeschlagen, dass das Jahr 2012 zum „Europäischen Jahr für aktives Altern“ ausgerufen werden soll.

Diese Initiative soll zur Schaffung besserer Beschäftigungsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen für die zunehmende Zahl älterer Menschen in Europa beitragen, ihnen helfen, eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen, und ein gesundes Altern fördern. Hintergrund dieser Initiative ist, dass sich die europäische Politik mit einer stetigen demografischen Alterung und deren Auswirkungen auf die öffentlichen Dienstleistungen und Finanzen auseinanderzusetzen hat. Es ist zu erwarten, dass das Europäische Parlament und der Rat Anfang nächsten Jahres der Initiative zustimmen werden.

Die EU befindet sich in einem Prozess starker demografischer Alterung. Ab 2012 wird in Europa die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter abzunehmen beginnen, während die Zahl der über 60-Jährigen jährlich um etwa zwei Millionen zunehmen wird. Der stärkste Druck wird zwischen 2015 und 2035 erwartet, wenn die sog. geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand eintreten werden.

Dies stellt eine große Herausforderung für nachhaltige öffentliche Finanzen und insbesondere für die Finanzierung des Gesundheitswesens und der Renten dar und könnte die Solidarität zwischen den Generationen schwächen. Diese Betrachtungsweise vernachlässigt aber den erheblichen tatsächlichen und potenziellen Beitrag, den ältere Menschen – und insbesondere die geburtenstarken Jahrgänge – für die Gesellschaft leisten können.

Das vorgeschlagene Europäische Jahr für aktives Altern soll einen Rahmen für die Sensibilisierung der Bevölkerung und für das Erkennen und Verbreiten bewährter Praktiken bieten und vor allem Politiker und Akteure auf allen Ebenen zur Förderung aktiven Alterns anregen. Diese Akteure sollen im Vorlaufjahr 2011 zur Festlegung auf konkrete Aktionen und Ziele ermuntert werden, damit im Europäischen Jahr 2012 konkrete Ergebnisse präsentiert werden können.

Aktives Altern bedeutet auch, dass man älteren Menschen mehr Möglichkeiten bietet, weiterzuarbeiten, länger gesund zu bleiben und auf andere Weise (zum Beispiel durch ehrenamtliche Arbeit) weiterhin einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Dies muss durch eine breite Palette von Politikmaßnahmen auf allen Regierungsebenen gefördert werden. Die EU hat in Bereichen wie Beschäftigung, Sozialschutz und soziale Eingliederung, Gesundheit, Informationsgesellschaft und Verkehr eine gewisse Aufgabe zu erfüllen, aber die Hauptaufgabe kommt den nationalen, regionalen und kommunalen Regierungsebenen sowie der Zivilgesellschaft und den Sozialpartnern zu.

Hg.: European Commission, Employment, Social Affairs and Equal Opportunities, 7/09/2010