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Arbeit und Kindererziehung gleichzeitig

14. Mai 2017

«Frauen wird vorgegaukelt, es sei keine grosse Sache, zu arbeiten und nebenher noch Kinder aufzuziehen»

Veröffentlicht: 24. März 2017
Vorgestellt in: Favoriten der Redaktion, Job & KarriereSascha Hardegger
Gründer, Teilhaber & Content-Stratege Text- und Übersetzungsagentur etextera

Was die Vereinbarung von Familie und Beruf angeht, ist die Schweiz ein Entwicklungsland, sagt Sibylle Stillhart*. Sie ist Autorin des Buches «Müde Mütter – fitte Väter. Warum Frauen immer mehr arbeiten und es trotzdem nirgendwohin bringen». – Redaktion/Interview: Text- und Übersetzungsagentur etextera (Originaltext)

Frau Stillhart, Ihr Buch trägt den Titel «Müde Mütter – fitte Väter». Was hat es mit den erschöpften Frauen auf sich?

Bekam eine Frau vor 20 Jahren Kinder, legte sie für ein paar Jahre eine Mutterschaftspause ein und kehrte erst dann wieder zurück in den Beruf. Heute arbeiten Frauen trotz Kinder fast nahtlos weiter – weil sie es wollen und immer besser ausgebildet sind, aber auch weil es ihnen nahegelegt wird. Die Anforderungen an Frauen sind heute also sehr viel höher. Gleichzeitig – und das ist das Zermürbende – haben sich die Strukturen nicht wirklich verändert: Der Arbeitsweg ist zum Teil lang, Krippen sind teuer und das Schulsystem ist mit 13 Wochen Ferien im Jahr nicht kompatibel mit dem Ferienpensum der Eltern – welches lediglich vier bis fünf Wochen umfasst. Aber es gibt doch die neuen Väter! Sie wickeln und füttern ihre Kinder, arbeiten Teilzeit und legen Vatertage ein.

Das stimmt. Väter kümmern sich heute sehr viel mehr um ihre Kinder als es ihre eigenen Väter getan haben. Allerdings definieren sich die meisten trotzdem noch über Arbeit und Gehalt. Ruft der Chef, springen sie schneller, als ihr Nachwuchs den Brei geschluckt hat. Auch hier sind das Hauptproblem die Strukturen: Es bräuchte endlich mehr Teilzeitstellen – auch für Väter, auch in hoch qualifizierten Jobs mit Führungsverantwortung. Zudem stecken wir immer noch in alten Rollenbildern fest: Männer müssen arbeiten, Frauen dürfen arbeiten und gelten lediglich als Zuverdienerinnen.

Die meisten Paare wünschen sich heute eine partnerschaftliche Arbeitsteilung – sowohl was die Erwerbsarbeit angeht, als auch die Familienarbeit. Doch sobald das erste Kind da ist – so zeigen Studien – fallen die meisten in die klassische Rollenteilung zurück.

In der Theorie kann man eben viel beschliessen, die Praxis sieht dann ganz anders aus. Die meisten jungen Frauen machen sich heute nicht wirklich Gedanken über die Vereinbarkeit, weil ihnen medial vorgegaukelt wird, dass es keine grosse Sache sei, zu arbeiten und nebenher noch Kinder aufzuziehen. Erst wenn sie vor Erschöpfung abends in der Waschküche einschlafen, weil sie 50 Prozent im Büro arbeiten und 100 Prozent im Haushalt, realisieren sie, dass alles eine grosse Lüge ist.

Keine Frau sagt: «Ich schaff das bald nicht mehr» – obwohl es vielen so geht

Trotzdem hört man wenig von chronisch gestressten, arbeitenden Müttern.

Das ist tatsächlich interessant. Fast keine Frau sagt: «Ich schaff das bald nicht mehr.» Obwohl es vielen so geht. Ich vermute, die Betroffenen vermeiden dies auszusprechen, um nicht jenen konservativen Stimmen Recht zu geben, die dann triumphieren könnten: «Wir haben es ja schon immer gesagt, bleibt halt daheim.» Ausserdem sind viele berufstätige Mütter derart motiviert, dass sie es unbedingt irgendwie schaffen wollen. Obwohl die Last riesig ist. Was jedoch das Burnout-Risiko bei berufstätigen Müttern steigen lässt. Solche Fälle nehmen zu.

Sie selbst haben Ihren Job gekündigt, weil Ihnen die Doppelbelastung zu viel wurde. Nun arbeiten Sie freischaffend. Haben Sie kapituliert?

Ja, ich sehe es schon als Kapitulation. Ich konnte einfach nicht mehr, die Belastung war zu gross. Jetzt, wo ich meine eigene Chefin bin, mir meinen Arbeitstag besser einteilen kann, ist es viel leichter, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Aber ich verdiene natürlich auch deutlich weniger. Das Verrückte ist: Wir haben trotzdem nicht weniger Geld am Ende des Monats zur Verfügung. Denn zum einen zahle ich nun sehr viel weniger Steuern, zum anderen sind die Kita-Kosten gesunken, weil wir nicht mehr zwei gut Verdienende sind.

Warum bleibt Ihr Mann nicht zu Hause?

Wegen dem Gehalt – ganz klassisch. Männer verdienen immer noch mehr als Frauen, machen immer noch schneller Karriere. Da gibt es nichts zu diskutieren. Arbeiten beide Elternteile hingegen 50 Prozent, muss man in Kauf nehmen, dass weder Mann noch Frau Karriere machen. Das wollen viele schon aus finanziellen Gründen nicht riskieren. Wir leben leider in einer auf Männer ausgerichteten Arbeitswelt: Muttersein ist für Frauen ein Karrierehindernis, ein Vater hingegen wird eher noch befördert.

Viele der 100 Prozent-Jobs liessen sich auch in 70 Prozent der Zeit erledigen

Liegt es vielleicht auch in der Verantwortung der Frauen, ihre Männer mehr einzuspannen, Arbeiten zu delegieren und ihnen Kinder und Haushalt zuzutrauen?

Dieser Punkt wird zwar oft genannt aber führt am eigentlichen Problem vorbei. Ich jedenfalls gebe sehr gerne ab. Und die meisten anderen Frauen ebenfalls.

Was muss sich also konkret ändern?

Wir brauchen mehr Gelegenheiten, um flexibler arbeiten zu können, wie etwa im Home-Office. Ein Ferienkonto wäre gut, damit Eltern die unendlich vielen Schulferien auffangen können. Wir brauchen eine bessere Qualität der Krippenplätze, besser ausgebildetes aber auch bezahltes Personal und vor allem günstigere Plätze. Bei berufstätigen Müttern mit zwei Kindern geht heute fast das ganze Geld für Kitagebühren drauf. Auch die Steuern müssten gesenkt werden, damit sich Arbeiten für Mütter lohnt. Heute zahlen wir sogar drauf, nur um weiter im Job zu bleiben. Vor allem aber sollten wir dringend eine Diskussion über Arbeitszeiten führen – schliesslich haben wir in der Schweiz eine der höchsten. Ist denn ein Arbeitstag von 8,5 Stunden wirklich sinnvoll? Wer kann so lange effizient arbeiten? Und, seien wir doch mal ehrlich: Viele der 100 Prozent-Jobs liessen sich auch in 70 Prozent der Zeit erledigen.

Warum setzen sich Frauen nicht mehr für diese Anliegen ein, etwa auf politischer Ebene?

Es gibt vereinzelte Stimmen, aber insgesamt viel zu wenige. Vielleicht, weil immer noch die älteren Männer die politische Agenda beherrschen. Medial ist es ganz ähnlich. Hinzu kommt: Wenn schon Frauen untereinander kaum darüber reden, wie soll dann die Aussenwelt wissen, dass es Thema ist? Ausserdem schauen wir zu wenig über den Tellerrand: Viele halten 14 Wochen Mutterschaftsurlaub für eine tolle Errungenschaft ohne zu merken, wie es in anderen Ländern funktioniert, wie etwa Skandinavien. Dann würden wir nämlich erkennen: Was die Vereinbarung von Familie und Beruf angeht, ist die Schweiz ein Entwicklungsland

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„Generation Relaxed“ übernimmt Führungsetagen

30. Dezember 2014

„Für junge Menschen in Deutschland steht das Privatleben weit über Karriere, Geld und Macht. Stattdessen wollen sie privates Glück finden – und sich verwirklichen. Wie soll dieses Berufsleben aussehen.

Die junge Generation fordert eine neue Work-Life-Balance, ohne Stress, aber mit viel Selbstverwirklichung. (…) Zu viel Arbeit, so heißt es jetzt, mache krank. Ein Mensch, der zu viel arbeite, sei ein bedauernswertes, von vielerlei Lebensdingen abgeschnittenes Mangelwesen. (…)

Dieser Befund ist inzwischen statistisch belegt. „Karriere zu machen, ist nicht mehr en vogue.“ So fasste der Schweizer Headhunter Sandro Gianella den neuen Trend kürzlich zusammen – einer, der es wissen muss, denn das Machen von Karrieren ist sein Beruf. Und alle paar Wochen kommt eine weitere Umfrage heraus, die Gianellas erstaunlichen Befund bestätigt. 2014 hat gute Aussichten, zum Jahr der besorgten Elitenumfragen zu werden.

Den Anfang machte zu Jahresbeginn die Unternehmensberatung Odgers Berndtson. Sie befragte die 500 größten deutschen Unternehmen, und über 70 Prozent ihrer Personalchefs erklärten: Ja richtig, der Führungsnachwuchs sei immer seltener bereit, berufliche über private Lebensziele zu stellen.

Dazu passen die Aussagen, die Odgers Berndtson in einer weiteren Umfrage von rund 1000 deutschen Führungskräften einholte: Die Freude am Spitzenjob selbst, an der eigenen Führungsaufgabe, steht bei den Managern nicht mehr unbedingt an erster Stelle. Es muss schon so zugehen, dass sie dabei ihre individuellen Talente und Stärken ausleben können. Und es muss möglich sein, Privatleben und Führungsverantwortung in ein akzeptables Verhältnis zu bringen. In Zahlen ausgedrückt: Die Lebenszeit, die sie bereit sind, in den Job zu stecken, sollte von derzeit gut 60 Prozent auf maximal 52 Prozent sinken.

Was heißt das? Ist der, auch gegen sich selbst, harte Hund an der Spitze ein Mann von gestern – wird er von einer Generation Weichei ersetzt? Adrian Fischer, der Leiter der Studie, sieht es nicht so. Dem Magazin „Impulse“ skizzierte er eine kleine Geschichte der deutschen Managermentalität seit dem Krieg. In der Aufbauzeit sei es darum gegangen, Wohlstand zu sichern. Später um steile Karrieren samt Statussymbolen. „Heutzutage sehen die Prioritäten anders aus.“ Eine ganz normale Entwicklung also vom rigiden Stil der frühen Jahre zu einer Epoche komplexer gewordener Ansprüche, aber eben auch Möglichkeiten.

Wie es ausschaut, wird uns dieser neue Managertypus erhalten bleiben, denn der Nachwuchs denkt genauso. In einer weltweiten Studie ließ der Telekommunikationskonzern Telefónica über 12.000 junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren aus 27 Ländern befragen – unter anderem danach, was ihnen die größten Sorgen bereite. Nirgendwo in der befragten Welt rangierte die Sorge um die eigene Lebensplanung so weit oben wie in Deutschland.

Materielles, ließen die jungen Leute ihre Interviewer wissen, interessiere sie eher wenig. Nach ihren Zielen im Leben gefragt, gaben nur vier Prozent an, einmal reich sein zu wollen. Aber 84 Prozent wollten glücklich werden. Die Frage ist, was solche allgemeinen Wünsch-dir-was-Aussagen von Leuten im Studentenalter wert sind, wenn es erst einmal in die Wirklichkeit des Berufslebens geht. Eines kann man an ihnen wohl ablesen: Wer materielle Ziele hintanstellt, der hat halt keine dringenden – wer nicht reich werden will, ist es vielleicht schon.

Es ist wenig erstaunlich, wenn in den Söhnen und Töchtern eines reichen Landes nicht der gleiche unbändige Wille brennt, sich aus Not und Entbehrung herauszuarbeiten, wie er in ihren Großeltern nach 1945 brannte. Dazu passen die Antworten auf eine andere Frage, die Telefónica den jungen Leuten stellte: Was das Wichtigste im Leben sei – Geld und Karriere, Familie oder Freunde? Die Mehrheit stellt die Familie auf Platz eins ihrer Lebensziele, weit vor Geld und Karriere.

Im Frühjahr dann legte die Unternehmensberatung EY eine Studie vor. Auch bei ihren 4300 deutschen Studenten sticht die hohe Wertschätzung der Familie ins Auge. Nach ihren Vorbildern gefragt, fallen zwar auch die Namen der üblichen Verdächtigen. Steve Jobs, Mark Zuckerberg, der Dalai Lama und allen voran Angela Merkel. Aber all diese Vorbilder schlägt einer um Längen, dem man es in den letzten Jahrzehnten am allerwenigsten zugetraut hätte – der Herr Papa, dicht gefolgt von der Frau Mama.

Wenn das zutrifft, dann wäre der Generationenkrieg, der so lange so konstitutiv für Deutschland war und ohne den die deutsche Nachkriegskunst, Nachkriegsliteratur, Nachkriegspolitik nicht denkbar sind – dann wäre der sechzigjährige deutsche Generationenkrieg aus und vorbei. Dann herrschte Frieden zwischen Müttern und Töchtern, Vätern und Söhnen, und nur noch ewig Gestrige greinten den rebellischen Zeiten nach. Die Jungen winken ab.

(…) verblüffende Dinge. Auch zu ihren Berufswünschen befragte EY die Studenten und fand heraus: Fast ein Drittel der Befragten wünscht sich eine Zukunft im Staatsdienst – was soll mir die Freiheit, wenn ich ein deutscher Beamter werden kann? So hätte die Generation Heinz Erhardt auch geantwortet.

(…) Ob die Bereitschaft zu Überstunden sinke, wollten wir wissen. Ob Sabbaticals schon früh ein Thema seien; ob der Wunsch nach Home-Office-Arbeit zunehme, die Bereitschaft, eine Weile ins Ausland zu gehen, hingegen ab? Ob eher mal auf eine Beförderung verzichtet werde, um mehr private Zeit zu haben – oder ob das alles bloß Randerscheinungen seien und es ist, wie es immer war: Wer Erfolg will, muss hart dafür arbeiten?

Herausgekommen ist ein dreigeteiltes Bild der deutschen Arbeitswelt der Gegenwart. Man könnte folgende Kategorien daraus bilden: den neuen deutschen Stil, den alten Industriestil und den kalifornischen Stil.

Die Antworten der meisten Personalchefs lassen sich auf die Formel bringen:

  • Position eins: Ja, es gibt bei jungen Leuten verstärkt den Wunsch nach mehr Vereinbarkeit privater und beruflicher Ziele, aber wir haben das Problem längst erkannt und hätten da einige hübsche Angebote.
  • Position zwei: Wissen Sie, wir sind so gut und so global aufgestellt – wer zu uns kommt, der weiß, was er daran hat, und legt sich entsprechend ins Zeug.
  • Position drei: Sie stellen die Frage falsch, nämlich ganz altmodisch – Arbeit versus Leben. Bei uns ist Arbeit und Leben ein und dasselbe.

Es ist nicht schwer zu erraten, wer wie geantwortet hat. „Spot a problem. Analyse it. Solve it.“ So beschrieb das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ nach dem gewonnenen Weltmeistertitel den deutschen Erfolgsstil, und nicht nur im Fußball: ein Problem erkennen. Es durchdringen. Es lösen. Das trifft es ganz gut. So könnte man den geschmeidigen neuen Stil beschreiben, mit dem der Mainstream der deutschen Wirtschaft auf den Trend weg vom Absolutismus der Arbeit reagiert.

Für Siemens etwa berichtet Markus Kumpf, das Interesse an Sabbaticals sei „stark gestiegen“ und auch bei der Home-Office-Arbeit sei „die Tendenz eher steigend“. Eine Abnahme der Bereitschaft, Überstunden zu machen, ins Ausland zu gehen oder aus privaten Prioritäten auf eine Beförderung zu verzichten, kann er bei Siemens hingegen nicht erkennen. Kumpf legt dabei Wert auf die Feststellung, dass Siemens diesen neuen Wünschen seiner Mitarbeiter vielfältig entgegenkomme, etwa „durch unser Modell der flexiblen Arbeitszeiten und die Einführung der Vertrauensarbeitszeit“. Letztere biete „eigeninitiativ Möglichkeiten, Arbeitsspitzen aus einem Zeitraum unmittelbar durch Zeitausgleich zu einer anderen Zeit“ zu kompensieren.

Ähnlich antworten die Deutsche Bank und Daimler. Man sieht die neuen Wünsche und kommt ihnen, so gut es geht, entgegen – es ist aber nicht so, dass in diesen klassischen Branchen der deutschen Wirtschaft eine Revolution stattfände und Arbeit dabei wäre, ihren Charakter grundlegend zu verändern. Man nimmt Anpassungen an ein etwas verändertes Lebensgefühl vor, (…).

Expliziter und auch vielfältiger kommt Roland Berger dem Trend entgegen, (…) „Unser übliches Arbeitsmodell sieht keine strikt geregelten Arbeitszeiten vor, denn Beratung findet beim Kunden statt und nach ihm richten sich Einsatzzeiten und -orte.“ Man habe nur Spaß am Beruf, „wenn man den richtigen Ausgleich findet. Deshalb bieten wir unseren Beratern normalerweise bereits nach zwei Jahren Firmenzugehörigkeit an, sich eine ‚Auszeit‘ zu nehmen. Viele Kollegen nehmen diese Option aber auch erst später wahr.“ Sabbaticals bei Berger? Ja, sicher, etwa für „eine akademische Weiterbildung, eine Promotion in unserem Doktorandenprogramm oder eine persönliche Auszeit für die Familie oder eine Weltreise“. Oder soziale Verantwortung übernehmen im firmeneigenen „Social-Fellowship-Programm“. Und so weiter.

Auch Mirja Thomsen von der Werbeagentur Scholz & Friends kennt die Generation mit dem Lebensziele-Mix recht gut. „Es ist tatsächlich die Generation Y, die andere Prioritäten setzt. Andere als Geld und Erfolg. Diese Generation legt mehr Wert auf das Privatleben, auf die Beziehung, auf den Freundeskreis, auf Reisen. Das muss keine Fernreise sein. Es reicht auch, mit dem Campingwagen an die Nordsee zu fahren und zu surfen.“ Und: „Ich bemerke auch in Vorstellungsgesprächen solche Tendenzen. Habe ich wirklich 45 Minuten Mittagspause? Muss ich durcharbeiten? Mein Freund lebt in einer anderen Stadt, ich würde gern um 16 Uhr gehen, geht das? Diese Fragen werden verstärkt gestellt.“

Eine feste Burg deutscher Industriekultur ist nach wie vor die Autobranche, und eines ihrer unverwüstlichen Symbole ist die Marke VW. Und so fallen die Antworten auf unsere Fragen aus Wolfsburg denn auch deutlich robuster aus als bei Branchen, die näher am Lifestyle siedeln.

Volkswagen ist für Berufseinsteiger hoch attraktiv“, sagt Martin Rosik, Leiter Personal bei VW, „eben weil das Unternehmen nahezu unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Wer möchte, kann bei verschiedenen Marken und in vielen Ländern der Welt arbeiten, ohne dafür den Arbeitgeber wechseln zu müssen. Viele junge Leute, die zu uns kommen, wissen das sehr zu schätzen.“ Wunsch nach Home-Office nimmt zu. (…) Sinkt die Bereitschaft zu Überstunden beim Nachwuchs? Rosik: „k. A., da nicht feststellbar.“ K. A. heißt: keine Antwort. Nimmt der Wunsch nach Home-Office-Arbeit bei jungen Leuten zu? Rosik: „k. A., da nicht feststellbar.“ Wird heute eher einmal auf Beförderung verzichtet, um mehr private Zeit zu haben? „Keine Fälle bekannt.“ Martin Rosiks einzige Konzession an unser Thema ist die Aussage: „Auch ältere Arbeitnehmer wissen es zu schätzen, wenn sich Beruf und Privatleben gut miteinander in Einklang bringen lassen.“ (…)

(…) Ursula Schwarzenbart, Leiterin Global Diversity der Firma Daimler (…) wurde einmal von der Süddeutschen Zeitung „Die Männer-Versteherin“ genannt. [Sie fragt,] „Kann es nicht vielleicht sein, dass das viele Schreiben über Work-Life-Balance-Themen auch einen Einfluss darauf nimmt, ob sich Menschen ausgeglichen in ihrem Beruf fühlen?“ (…), dass das Verlangen nach mehr Life und weniger Work real ist oder nur eine sich stetig selbstverstärkende Rückkopplung ist. (…)

Google setzt auf Spaßmöbel und Spaßarchitektur. Ganz darauf bedacht, Reibungen zu verhindern, ist die Firma Google. Frank Kohl-Boas, Personalleiter von Google Nordeuropa, übt erst einmal Ideologiekritik an unseren Fragen: „Diese Frage zielt meiner Meinung nach noch sehr auf das herkömmliche Verständnis von ‚Arbeit‘ ab. Dieses Verständnis geht von Arbeit als einer geregelten Tätigkeit in einem geregelten Zeitrahmen aus. Das Arbeiten findet parallel zum Leben statt und in einer Zeit, die die Menschen praktisch verkaufen, weshalb man dann auch von ‚Work-Life-Balance‘ spricht. Bei Google arbeiten dagegen Menschen, die ein Umfeld suchen, in dem sie sich einbringen und entfalten können. Unsere Mitarbeiter machen das, was sie tun, weil sie es gerne tun, sodass es Teil ihrer Selbstverwirklichung ist.“ (…)

(…) Man gebe, bei „Google“ natürlich, die Suchwörter „Google“ und „Zürich“ und „Fotos“ ein. Was man erblickt, ist real. Es ist die Gemütslandschaft der neuen Arbeitswelt. Google-Mitarbeiter in bunten Waben sitzend, spielend, denkend. Mitarbeiter, Rutschen hinabrutschend. Mitarbeiter, vor Flatscreens in Wannen liegend. Spaßmöbel in einer Spaßarchitektur, bereitgestellt von einem Konzern, dessen Geschäftsmodell es ist, die Welt in einen Spaßplaneten zu verwandeln. Nur ein paar unausrottbare Ignoranten fürchten, es werde eher eine Spaßdiktatur sein, die wenig Spaß versteht, wenn es ums Spaßmonopol geht. Google allmächtig.

Die junge Generation weiß, was auf sie zukommt

Am anderen Ende dieses Spektrums finden sich die alteingesessenen Institutionen wieder. Etwas so Deutsch-Solides wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend etwa. Das Ministerium gab dieses Jahr beim Institut für Demoskopie in Allensbach eine „Repräsentativbefragung der 20- bis 34-jährigen Bevölkerung“ in Auftrag. „Repräsentativ“ bedeutet, die Zahl der Befragten ist groß genug, um zutreffende Schlüsse auf die ganze Generation zuzulassen.

Deutschland altert und muss länger arbeiten

Gefragt wurde nach dem, was etwas verklausuliert „demografischer Wandel“ genannt wird. Das Ministerium wollte herausfinden, wie die junge Generation auf die Tatsache reagiert, dass die Jugend eine Minderheit in einem Land sein wird, in dem die Alten die Mehrheit stellen.

Erster Befund: Die junge Generation ist aufgewacht. Sie weiß jetzt, was auf sie zukommt. In der Hitparade ihrer Sorgen steht der demografische Wandel ganz oben, noch vor der Euro-Krise, dem Klimawandel und der Staatsverschuldung.

Zweiter Befund: Die Jungen machen sich keine Illusionen, was staatliche Vorsorge angeht. Sie wissen, so hemmungslos, wie sich die Generationen vor ihnen auf den Staat verlassen haben, werden sie es nicht mehr können. Eigenvorsorge wird wichtiger werden. Sie erwarten, bei der Angehörigenpflege stärker in die Pflicht genommen zu werden, dazu eine längere Lebensarbeitszeit, und die Steuern werden wohl dennoch weiter steigen, um die enormen Lasten eines überalterten Landes zu bewältigen.

Dritter, unser Thema direkt betreffender Befund: Gefragt nach ihren Lebenszielen, antwortet die junge Generation: gutes finanzielles Auskommen, sicherer Arbeitsplatz, glückliche Partnerschaft, und ein paar schöne Reisen wären gut. Sechzig Prozent streben Wohneigentum an. „Pragmatisch“ nennt das Ministerium diese Einstellung. Diese Interpretation klingt ein bisschen nach Enttäuschung der Altvorderen über diese unrebellische, so gar nicht mehr utopisch gestimmte Jugend. Dabei formuliert diese mit ihrer Haltung doch nur die Hoffnung auf ein Lebensglück, wie wir Menschen sie immer hegten, vermutlich seit der Steinzeit.

Was hilft gegen die Vergreisung?

(…) Nach Ansicht der Befragten erstens mehr Generationengerechtigkeit – und zweitens eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Fast zwei Drittel sehen das so, nämlich 64 Prozent.

Beruf und Familie also. (…)  Bist du jung in einem immer älteren Land, bist du also einer von denen, die die sogenannte demografische Last schleppen müssen, dann versuche wenigstens, sie so zu schultern, dass du nicht unter ihr zusammenbrichst. Darum geht es. Hier kommt die Familie ins Spiel.

(…) Sie wird wieder, was sie immer war – der neue, alte Fels in der Brandung des Lebens. Kein Wunder, wenn die ministeriell befragte, aus dem Traum staatlichen Glücksversprechens erwachte junge Generation verschärft darüber nachdenkt, wie das alles zu balancieren sei: Arbeit, Familie, Vorsorge.

Es ist aber nicht mehr die Familie aus Großvaters Zeiten, die wieder an die erste Stelle gesetzt wird. Der leitende Ingenieur bei Siemens, der Manager bei Daimler, der Berater bei Roland Berger hat keine Frau mehr daheim, deren ganze Erfüllung es wäre, dem hart arbeitenden Gatten den Rücken freizuhalten. Wer bringt die Kinder zur Schule oder zum Sport, wer zieht die vielen Fäden einer drei-, vier- oder mehrköpfigen Infrastruktur, wie wird das Kleinunternehmen Familie koordiniert? All das muss neu balanciert werden. Das ist die reale Kulisse, in der das Zeitgeist-Stück „Work & Life Balance“ aufgeführt wird. Man müsste ein radikaler Familienabstinenzler sein, damit sich einem die Fragen, die jetzt Gegenstand all der Umfragen sind, nicht stellten.

Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/article131217663/Generation-Relaxed-uebernimmt-Fuehrungsetagen.html