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Work-Life-Balance und Plegebedürftige Angehörige: Zweiter Karriereknick

14. Januar 2010

http://www.wiwo.de/karriere/zweiter-karriereknick-durch-altenpflege-418593/

Die Zahlen:

  • 2,,25 Mio. Plegebedürftige in Deutschland (mit steigender Tendenz; in 2020 werden es 2,94 Mio. sein)
  • 36,7 Std erbringen die Plegenden Plegeleistungen pro Woche
  • 73 % der Pflegenden sind Frauen
  • 23% der Pflegenden sind erwerbstätig – die Hälfte in Vollzeit
  • 68 % werden zu Hause gepflegt
  • 22 % der Plegenden müssen ungeplant von der Arbeit fern bleiebn
  • 20 % wechseln von Voll- auf Teilzeit, 33 % reduzieren ihre Arbeitsstunden, 16 % müssen ihre Arbeit aufgeben

Zahlen, die Unternehmer aufhorchen lassen müssten. Denn damit gibt es in etwa so viele pflegende Mitarbeiter wie Arbeitnehmer in Elternzeit. (..) im Jahr 2030 doppelt so viele Pflegebedürftige wie Kindergartenkinder (…)

Während es für Angestellte mit kleinen Kindern mittlerweile zahlreiche Angebote gibt, bleibt die Pflege älterer Angehörige nahezu unsichtbar. Dabei ist sie ein Massenphänomen, begünstigt durch die demografische Entwicklung und den medizinischen Fortschritt (…)

(…) errechnet, dass ein Mitarbeiter, der Angehörige betreut, sein Unternehmen im Schnitt 2500 Dollar im Jahr kostet, also etwa 1700 Euro. Seine Leistungsfähigkeit sinkt durch Fehlzeiten, den Wechsel von Voll- auf Teilzeit oder schlicht durch die zusätzlichen Telefonate, die für die Organisation der Pflege notwendig werden. (…)

Aber was ist mit denjenigen, die sich um ältere Familienangehörige kümmern, (…)  den früh erkrankten Partner? „Die psychische Belastung dieser Pflegenden ist ungleich höher als bei der Kindererziehung (…), denn Kinder werden ja immer selbständiger, das beobachtet man mit Freude.“ Angestellte, die pflegen, fühlen sich dagegen überfordert, werden häufiger krank oder gar depressiv. (…)  Denn über den nachtaktiven Nachwuchs witzelt man vielleicht noch. Über den Vater, der nachts weinend im Flur steht, wird geschwiegen. Dabei ist er seelisch viel belastender.

Die Folgen für die Karriere der Betroffenen sind enorm: Weil sie mit den Gedanken am Krankenbett ihrer Angehörigen sind, lässt ihre Konzentrationsfähigkeit nach, die Fehlzeiten steigen und sobald sie auf Teilzeit wechseln, verringern sie nicht nur Einkommen und Rentenansprüche, sondern auch ihre Aufstiegschancen. Jeder zweite hat bereits ein oder mehrmals auf eine Weiterbildung oder gar eine Beförderung verzichtet, so das Ergebnis einer Umfrage der IGS Organisationsberatung

Passende Lösungen zu finden ist deutlich schwieriger als in der Kinderbetreuung. (…) wie lange dauert eine Pflege[zeit]? Und wie wird die Krankheit verlaufen? (…).  Wer pflegt und trotzdem Karriere machen will, muss deshalb immer wieder neue, individuelle Arbeitsmodelle finden.

(…) Simpel gestrickte Angebote greifen nicht, was aktuell die Pflegezeit beweist. Die legte die große Koalition 2008 auf: eine gesetzlich garantierte, unbezahlte Pause von einem halben Jahr. Die Nachfrage ist mehr als verhalten. „Kein Wunder (…), ein halbes Jahr reicht bei den meisten Pflegefällen nicht aus, und den Gehaltsverlust kann sich kaum einer leisten.“ Erfolgreicher seien Modelle, die verschiedene Angebote bündeln und dabei sowohl flexible Arbeitszeiten als auch Beratung beinhalten (…)

In den USA: Unter dem „Stichwort Elder Care bieten zahlreiche Unternehmen flexible Arbeitszeitmodelle und Beratungshotlines an.“

Die Bausparkasse Schwäbisch Hall „gilt als einer der Vorreiter in Sachen Elder Care in Deutschland. So leistet sie sich als einziges Unternehmen bundesweit nicht nur einen Betriebskindergarten sondern auch ein Seniorenstift „(für ehemalige Mitarbeiter und pflegebedürftigen Angehörigen der Angestellten). Seinen Mitarbeitern bietet das Unternehmen außerdem variable Arbeitszeiten, 75 verschiedene Teilzeitmodelle und eine Pflegepause von bis zu zwei Jahren an. Zwischen den Varianten kann nach Absprache auch kurzfristig gewechselt werden. (…) – Derartige Angebote mache Schwäbisch Hall nicht allein aus gutem Willen, sondern auch aus ökonomischen Gründen (…) „Wer pflegt, ist meist schon etwas älter und erfahren – diese Mitarbeiter wollen wir nicht verlieren, den Knowhow-Verlust können wir uns gar nicht leisten.“

Deutsche Bahn oder Lufthansa, Henkel oder BASF zum Beispiel bieten (…) längere Pflegezeiten als der Gesetzgeber, (…) (und) stellen ihren Mitarbeitern auch externe Pflegeexperten zur Seite. Sie beraten Betroffene kostenlos, etwa bei der Suche nach einem geeigneten Heimplatz, oder informieren über die Bedeutung der Patientenverfügung und helfen beim Ausfüllen der Formulare für die Pflegeversicherung. (…) bei Siemens (…) Checklisten darüber zum Beispiel, welche Dinge in einem akuten Pflegefall geregelt werden sollten. Oder eine Notfallbetreuung für pflegebedürftige Angehörige, die einspringt wenn Mitarbeiter überraschend einen Termin wahrnehmen müssen und sich nicht um die kranken Eltern kümmern können. Im kommenden Jahr soll außerdem eine „Sprechstunde Elder Care“ starten: Betroffene können sich dann wöchentlich während der Arbeitszeit in Firmenräumen treffen und dort Vorträge von Ärzten oder Psychologen hören oder sich in der korrekten Pflege von Bettlägerigen oder Verwirrten schulen lassen.

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