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Diskussionsanregung zum Wissensmanagement

19. März 2009

Gedanken eines Philosophen zum Wissensmanagement

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann, Uni Wien, zum Wissensmanagement:

Wissen ist nicht Information

Wissen, so eine gängige Definition, ist eine mit Bedeutung versehene Information. Relativ sorglos wird deshalb auch in der politischen Rhetorik der Begriff der Wissensgesellschaft dem der Informationsgesellschaft gleichgesetzt.
In der Regel wird letzterer noch stärker betont, weil Informationen noch unmittelbarer mit jenen digitalen Medien verschwistert scheinen, welche die neue Wissensgesellschaft auf Trab halten. Gegen die beliebte These, dass wir in einer Informations- und damit schon Wissensgesellschaft leben, lässt sich allerdings mit guten Gründen die These halten, dass wir in einer Desinformationsgesellschaft leben. Das Bekannte, formulierte Hegel einmal, ist „darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Informationen haben mit Wissen und Erkenntnis noch nichts zu tun.

Nicht eindeutig zweckorientiert

Wissen ist mehr als Information. Wissen erlaubt es nicht nur, aus einer Fülle von Daten jene herauszufiltern, die Informationswert haben, Wissen ist überhaupt eine Form der Durchdringung der Welt: Erkennen, Verstehen, Begreifen. Im Gegensatz zur Information, deren Bedeutung in einer handlungsrelevanten Perspektive liegt, ist Wissen allerdings nicht eindeutig zweckorientiert. Wissen lässt sich viel, und ob dieses Wissen unnütz ist, entscheidet sich nie im Moment der Herstellung oder Aufnahme dieses Wissens. Im Gegensatz zur Information, die eine Interpretation von Daten in Hinblick auf Handlungsperspektiven darstellt, ließe sich Wissen als eine Interpretation von Daten in Hinblick auf ihren kausalen Zusammenhang und ihre innere Konsistenz beschreiben.

Grundvoraussetzung: Bezug auf Wahrheit

Man könnte es auch altmodisch formulieren: Wissen existiert dort, wo etwas erklärt oder verstanden werden kann. Wissen referiert auf Erkenntnis, die Frage nach der Wahrheit ist die Grundvoraussetzung für das Wissen. Seit der Antike wird so die Frage nach dem Wissen von der Frage nach der Nützlichkeit von Informationen aus systematischen Gründen zurecht getrennt. Ob Wissen nützen kann, ist nie eine Frage des Wissens, sondern der Situation, in die man gerät. Es gab Zeiten – so lange sind sie noch nicht vorbei – da galt Orientalistik als ein Orchideenfach, auf das so mancher Bildungsplaner glaubte verzichten zu können. Nach dem 11. September war alles anders, und Grundkenntnisse des Arabischen und der Geschichte des vorderen Orient avancierten zu einer höchst begehrten Kompetenz.

Wissensmanager wie Materialwirtschafter

„Wissensmanagement“ gilt mittlerweile überhaupt als neue Heilslehre, geht es um Fragen des Wissens. Der Wissensmanager löst nicht nur den Bildungsexperten ab, auch der Pädagoge und sogar der Wissenschaftler sollen sich zunehmend als Wissensmanager verstehen. Möglich ist diese Vorstellung nur, weil die Wissensgesellschaft die Beziehung des Wissens zur Wahrheit gekappt hat. Nun werden Daten als Rohstoff, Informationen als für ein System oder Unternehmen aufbereitete Daten und Wissen als die „Veredelung von Information durch Praxis“ beschrieben. Statt um Erkenntnis geht es um best practice. Gerade die Differenz, die Wissen als epistemisches Verfahren von anderen Weltbewältigungsstrategien unterscheidet, wird nun eingezogen. Das Wissensmanagement verfährt letztlich wie ein „Materialwirtschaftssystem“ und der Wissensmanager erhebt gerade einmal den paradoxen Anspruch, unter „Ausklammerung von Wahrheits- und Geltungsfragen“ herauszufinden, welche Art von Wissen sein Unternehmen zur Lösung seiner Probleme benötigt.

Programmatischer Verzicht auf Wahrheit

Unter dieser Perspektive kann die Frage nach der Wahrheit so gut entfallen wie die Frage, ob irgend jemand etwas verstanden hat und für ein Phänomen eine plausible Erklärung bereithält, die über den Status einer praxisrelevanten Meinung oder generalisierten Erfahrung hinausreicht. Gerade das Wissen, das angeblich die Wissensgesellschaft auszeichnet, das wissenschaftliche Wissen, gehorcht zumindest nach der Systemtheorie jener Codierung von wahr und falsch, die ihre Adepten nun einziehen möchten. Der Verzicht auf das, was man den Wahrheitsbezug des Wissens nennen könnte – in welcher Form wissenschaftlicher Theorie und Praxis er sich dann auch niederschlagen mag – war bei Adorno noch Erscheinung von Halbbildung gewesen, da er nicht intendiert, sondern Ausdruck objektiven Unvermögens gewesen war. Nun wird der Verzicht auf Wahrheit programmatisch und damit zur Unbildung.

Unternehmensziele im Vordergrund

Richtig daran ist, dass Wahrheit, als Absolutum gedacht, nur zu einem verheerenden Ideologem werden kann; falsch daran ist allerdings die Attitüde des Konstruktivisten, auf Wahrheit wäre auch als Erkenntnis leitende Zielvorstellung zu verzichten. Solcher Verzicht ist aber die Voraussetzung dafür, dass Wissen nicht nach seinen eigenen Kriterien, sondern nach ihm äußerlichen Gesichtspunkten betrachtet und verwaltet werden kann. Die Ökonomisierung des Wissens hat seine Entschärfung zur Voraussetzung. Wenn Wissen nur noch die praxisgesättigte Anwendung von Informationen für Unternehmen darstellt, ist es durch das Unternehmensziel und nicht mehr durch einen Wahrheitsanspruch definiert. Der damit eingeleitete Transformationsprozess ist in seiner gesellschaftspolitischen und philosophischen Dramatik bislang wahrscheinlich nur unzulänglich erfasst worden.

Hochtrabende Sprache der Berater

Ansonsten bietet die Theorie des Wissensmanagements wie auch viele ähnliche Konzepte nicht viel mehr als den Alltagsverstand in der hochtrabenden Sprache der Unternehmensberatung. Die jedem Proseminaristen bekannten Methoden der Recherche, Auswahl, Strukturierung, Verknüpfung und Darstellung von Informationen werden zu strategischen Unternehmensaufgaben hochstilisiert, die offenbar nur durch einen organisatorischen Aufwand bewältigt werden können, der die ketzerische Frage geradezu aufzwingt, wieso die entscheidenden Erkenntnisfortschritte der Menschheit in Epochen errungen worden waren, die von Wissensmanagement keine Ahnung hatten.

„Hirngerechte“ Informationen …

Immerhin wird dabei darauf aufmerksam gemacht, dass das Wissen in einem Unternehmen nur dann produktiv zirkulieren kann, wenn es in Form „hirngerechter Dokumente“ in Umlauf gebracht wird. Ein schlecht geschriebener, fortlaufender Text gilt natürlich als Paradebeispiel einer „nicht-hirngerechten Dokumentations-Architektur“, während die Verknappung des Textes und seine Anreicherung mit Schlagworten, Symbolen, Graphiken und Tabellen, die alle auf eine schöne PowerPoint-Folie passen, zum Inbegriff eines „hirngerechten“ Dokuments avancieren. Visualisierung ist das Zauberwort, und Clickable Knowledge Maps der Inbegriff des gemanagten Wissens.

… machen Denken nahezu unmöglich

Wie Wissen heute präsentiert wird, kann auch als Hinweis für die zunehmende Verachtung des Wissens gelesen werden. Die Unsitte, die nicht nur bei Präsentationen in Unternehmen, sondern zunehmend auch bei wissenschaftlichen Symposien und an Universitäten zu beobachten ist, einfache Sätze und schwülstige Begriffe über PowerPoint zu projizieren und diese dann einfach abzulesen, stellt nicht nur ein Verachtung der Zuhörerschaft dar, sondern auch einen vollkommenen Verlust dessen, was man einstens Vortragskultur nannte. Es gibt Präsentationsformen – und die hirngerechten Dokumente gehören dazu -, die Denken nahezu unmöglich machen. Formuliert werden dann nur mehr Überschriften und Parolen, alle Möglichkeiten, Sätzen eine logische und damit argumentierende Struktur zu verleihen, werden gekappt. Und dennoch sind die Protagonisten solcher Shows überzeugt davon, es handle sich dabei um Wissen und seine Vermittlung.

Auch Unis orientieren sich daran – leider

Wenn Unternehmen ihr Geld in solche Konzepte stecken wollen, ist das ihre Sache. Fragwürdig wird die Vorstellung vom verwalteten Wissen dann, wenn sie sich in die Zentren des Wissens selbst verlagert und diese von innen her anfrisst. Dass Universitäten, die über eine nahezu tausendjährige Erfahrung im Umgang mit Wissen verfügen, sich in ihrer Restrukturierung an den plattesten Unternehmensideologien orientieren, ist nicht nur ein Armutszeugnis, sondern auch Ausdruck faktischer Dummheit. Anstatt aufgrund des eigenen Wissens und Reflexionspotentials diesen Unfug zu kritisieren, unterwirft man sich ihm, getrieben von der panischen Angst, auch nur einen der stakkatoartig vorbeirollenden Modernisierungsschübe zu versäumen.

Quelle: Auszug der „5. Wiener Karl Kraus Vorlesung“ mit dem Titel „Der Geist weht, wo er will“, gehalten in Wien, am 16. Mai 2006

One comment

  1. Wissensmanagement scheint heute in den Unternehmen unerläßlich zu sein; die Gefahr, daß Wissen verloren geht, ist zu groß. Es gibt bekanntlich zahlreiche Methoden und Instumente. Über einige ist auch hier im Blog zu lesen. Alle funktionieren aber nur, wenn die Wissensträger auch bereitwillig mitmachen, ihr Wissen also einspeisen, erklären, wenn sie sich ÄUSSERN, ihr WISSEN PREISGEBEN. Erfolgreiches Wissensmanagement setzt also auch eine entsprechende Kultur voraus. Und der hier dargestellte Bezug zur Wahrheit schint mir eine wichtige Ergänzung im Umgang mit dem Wissensmanagment zu sein.



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